Ich knabbere grad sehr an der Frage, warum Jesus eigentlich diesen Tod am Kreuz gewählt hat bzw. warum ihm dieser Tod aufgezwungen wurde und er sich nicht dagegen gewehrt hat. Die bisherige und immer wieder aufgewärmte “Jesus ist am Kreuz für deine Sünden gestorben, damit du in den Himmel kommst” – Kiste ist mir zwar schon klar, trifft aber nicht den Punkt bzw. das, was sich in meinem Kopf und Herz soz. “dahinter” verbirgt und mich beschäftigt. Mir leuchtet es nicht mehr ein, zumindest nicht in diesem Sinn bzw. ausschließlich in diesem Sinn. Versteht mich nicht falsch, ich stimme dem schon zu, sehe es auch irgendwo ein, aber mir ist es nicht ganz klar. Wieso kommt Gottes Liebe nicht ohne diese Gewalt aus? Braucht Gott dieses Opfer oder wir? Klar ist mir hingegen, dass es um Erlösung geht, aber wer erlöst wen von was? Jesus starb am Kreuz für meine Sünden – so die konfirmationstaugliche Antwort. Wieso aber dieses Blutopfer? Wieso muss bei der großen Gnade und Barmherzigkeit Gottes so viel Gewalt angewandt werden? Der Vater in der Geschichte vom verlorenen Sohn verzichtet ja auch auf Strafe, die Sünderin am Brunnen kommt auch ohne davon, die Vergebung Jesu ist immer frei von Gewalt und Strafe. Da fängt es also schon an zu wackeln. Wieso dann diese Gewalt mit der Jesus zu Tode kommt? Bekommt er die Ungnade Gottes ab? Aber dann wäre Gott ja eben doch nicht “voller” Gnade, sondern auch rachsüchtig. Oder trifft ihn die “Gottverlassenheit” mit voller Wucht?
Eine neue Spur, der ich gerade hinterher gehe, ist, dass es neben dem obigen auch noch einen anderen Grund geben könnte, wieso Jesus sich hat martern und töten lassen. Eigentlich zwei:
- Jesu Leben und Wirken hat neben all dem Guten auch etwas anderes bewirkt… er hat mit seinen Lehren und seinem teilweise provokativem Handeln bei seinen Gegenübern und Gegnern das “wahre” Gesicht ans Licht gebracht. Die frommen und vorbildlichen Pharisäer z.B., die sich so sehr am Gesetz orientierten und wirklich mit allem Nachdruck versucht haben, Gott auf diese Weise zu gefallen, entpuppen sich als mordlustig und hinterhältig. Man liest das immer so unbeteiligt, aber eigentlich steckt da ja ein Skandal dahinter. Gerade diejenigen, die es am besten machen wollten, haben sich so sehr in diese Lehren und Regeln und Moral verstrickt, dass es sie blind gemacht hat für den eigentlichen Grund, wofür “das Gesetz” gegeben wurde. Deshalb sagt Jesus auch, dass er das Gesetz erfüllt hat – sein Weg bzw. Lehre oder seine Interpretation der Gesetze ist den anderen überlegen. Diese “Entlarvung” gipfelt beim Tod am Kreuz: “Sehr her, wenn ihr diesen Weg geht, diese Lehren so umsetzt, die Gerechtigkeit auf diesem Weg sucht, dann macht euch das so grausam und blind, dass ihr sogar tötet für eure Überzeugung.” – Ich weiß, alles noch unreif und nicht ganz “wasserdicht” aber irgendwie in diese Richtung gehen meine Überlegungen. Und weiterhin wehrt er sich eben nicht, denn
- Jesus besiegt das Böse, indem er den Kreislauf von Schuld, Strafe, Rache und vergeltender “Gerechtigkeit” durchbricht. Er verzichtet auf Rache. Er erträgt die Gewalt. Er holt nicht zum Gegenschlag aus. Er sagt nicht einmal etwas zu seiner Verteidigung, als er bei Pontius Pilatus vorgeführt wird. Gewalt erzeugt immer Gegengewalt – ein Weg, den z.B. die Zeloten gewählt hatten – erfolglos, wie sich gezeigt hat. Paulus scheint auch diese Einsicht zu teilen, wenn er schreibt “Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.” (Römer 12,21) Hätte Jesus sich “gedrückt”, hätte er nicht diesen Weg ans Kreuz gewählt, dann hätte er sich irgendwie sonst heraus manövrieren müssen – und dadurch auf irgendeine Weise, sozusagen durch die Hintertür, doch wieder Raum und Nährboden für etwas gegeben, das er nicht erzeugen, sondern besiegen wollte. Der einzige Weg, so dann die Deutung des Kreuzestodes, Gewalt und Unrecht zu besiegen, ist folglich, auf Gegengewalt und Rache zu verzichten und lieber zu sterben, als Gewalt anzuwenden.
Ich habe vorhin geschrieben, dass ich überzeugt bin, dass es um Erlösung geht. Jesus erlöst uns – nach dieser Deutung – also nicht nur von unseren Sünden, sondern darüber hinaus vom Teufelskreis der Gewalt und Ungerechtigkeit, er entlarvt alle anderen Wege, gerecht zu werden oder Gerechtigkeit erzeugen zu wollen als nicht geeignet oder destruktiv. Das ist ja auch unser Dilemma z.B. in der Rechtsprechung. Was ist wirklich gerecht und kann eine Bestrafung für ein Verbrechen wirklich Gerechtigkeit erzeugen? Eben nicht! Die Bestrafung kann für Genugtuung, kurzfristige Erleichterung der Opfer, eine Entschädigung oder Stillung des Rachedurts sorgen, aber die Gerechtigkeit wird so nicht wieder hergestellt, das geht so nicht, egal wie sehr wir uns auch darum bemühen. Also, weder übereiferte Frömmigkeit mit Kontrollwahn, noch gewalttätige Mittel, noch Rache können Gerechtigkeit erzeugen – etwas oder jemand von außen, der nicht in diesem Kreislauf gefangen ist, muss eingreifen und zwar gewaltfrei bis zum bitteren Ende. Und gerade heute, an dem Tag, an dem der Tod von Bin Laden gefeiert wird, stellt sich mir diese Frage ganz akut. Bei aller Erleichterung darüber, dass zumindest er nichts Böses mehr anrichtgen kann, haben alle Länder die Sicherheitsvorkehrungen wegen zu befürchtender Racheakte erhöht. Man kann das Böse eben nicht mit dem Bösen besiegen – das hat Jesus durch seinen Tod am Kreuz in aller Konsequenz aufgezeigt.
Das mag jetzt alles für viele nicht neu sein, ist es sicherlich auch nicht, aber ich bin ja erst am Anfang meiner Suche und für mich steckt da noch so viel drin, was es zu entdecken gilt. Worum es mir dabei geht ist herauszufinden, ob die tradierten, teilweise sehr eindimensionalen Deutungen und gängigen Auslegungen wirklich den Punkt treffen oder ob mein “Bauchgefühl” doch Recht hat und es eben nicht primär um die Rachsucht und den Blutdurst Gottes geht, der von Jesus durch seinen Tod gestillt werden muss. Das macht für mich gerade so keinen Sinn.
Vielleicht steckt hinter meinem bisherhigen Verständnis auch nur eine allzu menschliche Sehnsucht nach Gerechtigkeit, wie wir sie eben (nicht besser) kennen. Strafe muss sein heißt es. Aber Strafe kommt ja ohne Gewalt nicht aus (wenn man den Begriff der Gewalt weit genug fasst) weswegen Gerechtigkeit letztendlich eben nicht durch Strafe / Gewalt erzeugt werden kann. “Gottes Gerechtigkeit ist höher als unsere Vernunft.” Wenn das stimmt, dann ist mein Versuch, mich dem Sinn vom Tod am Kreuz über den Verstand und meine Vernunft zu nähern, sowieso schon zum Scheitern verurteilt^^ – aber wie kann man Liebe fassen
?
Mai 2, 2011 um 4:34 pm |
Lieber Stephan,
ich kann deine Gedanken sehr gut nachvollziehen. Auch mir ist heute nach der Verkündigung von Osama Binladens Tod diese Frage in den Kopf geschossen und gleichzeitig konnte ich nur den Kopf über das Vorgehen der Menschen schütteln.
Auf der einen Seite gibt es Freudentänze über einen Rachetod und auf der anderen Seite schürt dieser durch Menschenhand herbeigeführte Tod die Angst innerhalb der christlichen Welt.
Sehen wir der Wahrheit doch ins Auge – der Tod des Terroristenführers bedeutet nicht das gleichzeitige Ende der Terrorangst in den westlichen Ländern. Stellt sich mir also die Frage: Was hat dieser Tod gebracht?
Diese Frage können und müssen wir auch in Bezug auf Jesus stellen: Was hat uns dieser Tod gebracht?
Im Gegensatz zu Osama Binladen war Jesus ein friedlicher und gewaltfreier Mann. Dies allein reicht zwar den Tod Binladens zu rechtfertigen, doch die Frage ist noch immer nicht beantwortet.
Der Tod Jesu wurde auch von Menschen ausgeführt, welche unter Angst litten. Unter der Angst, dass Jesus Recht haben könnte mit seiner Wahrheit und damit ihre Normen und Werte, ihre inneren Denkmäler, zu beschädigen und sogar zum Sturz bringen könnte.
Der Tod Osamas wurde ebenfalls von ängstlichen Menschen ausgeführt. Von Menschen die Angst hatten weil sie sich in ihrem Lebensraum und in ihrem Alltag intensiv bedroht fühlten.
Doch was unterscheidet nun die beiden Ängste voneinander? Die eine Angst ist scheinbar existenziell, die andere ist bestimmt vom eigenen Glauben, vom Gottesbild und den “Gesetzten Gottes”. Es drängt sich hier die Frage auf: wo soll der Mensch hin wenn er nicht an Gott und seine Vergebung glaubt. Ein Mensch kann niemals tiefer fallen als in Gottes Hand – auch nicht im Tod. Also was können wir mit unserer Angst tun?
Wir könne Vertrauen, vertrauen in Gott und in uns selbst. Und genau hier ist für mich der Knackpunkt: Gottes Hand hält und trägt uns. Sehn können wir das am Tod Jesu. Gott verlässt seinen Sohn in diesen schweren Stunden nicht. Er schenkt ihm Menschen welche ihn bis zum Kreuz und in den Tod begleiten. Er lässt ihn nach seiner Auferstehung den Frauen, seinen Jüngerinnen begegnen damit diese von Gottes Wundertat erfahren und die frohe Botschaft vom ewigen Leben weiter erzählen.
Mit dem Tod endet Jesu Leben nicht, sondern durch die Auferstehung erhält er eine neue Dimension. Eine Dimension welche für uns nicht greifbar, nicht fassbar, nicht erklärbar ist. Doch müssen wir immer alles erklären, oder dürfen wir nicht einfach nur glauben? Liebe, Vertrauen und Hoffnung ist auch nicht greifbar, und doch glauben wir an sie.
Ich kann nur ermutigen an das zu glauben was man nicht sieht, und Gott unser Vertrauen zu schenken, dass er für uns sorgt. Das hat er schließlich versprochen. Jesu beschreibt dies in der Bergpredigt mit den Vögeln unter dem Himmel. Sie können leben ohne zu säen oder zu ernten, denn unser gemeinsamer Vater versorgt sie.
Auch wir sollten diese Vertrauen in Gott setzen, dass er für uns sorgt und uns nicht im Stich lässt!
Wir sind Gottes Kinder – jeder einzelne ein Schatz. Jedes Kind hütet seinen Schatz und Gott behütet uns!
Mai 3, 2011 um 7:14 pm |
Hallo, “Gott verlässt seinen Sohn in diesen schweren Stunden nicht” hat nicht Jesus gesagt:Mein Gott warum hast Du mich verlassen?
Ich bekomme es eh nicht gebacken einen Vergleich in irgendeiner Art zwischen Bin Laden und Jesu Tod zu ziehen…, jedenfalls verstehe ich Stephans Fragen und auch das Bedürfnis es zu verstehen was Gott da geritten hat seinen Sohn für uns (?) Sterben zu lassen. Einfach “nur” glauben und Bibelzitate helfen da nicht. Damit sich beschäftigen, Gedanken machen usw. kann zu einer Antwort führen, oder eben nicht. Was Du dann daraus machst und wie es Deinen Glauben beeinflusst, das ist das Spannende. Ich freue mich schon mit Dir weiter zu forschen, ich finde es super spannend und es fordert mich auch über mein Pietismus raus!!
See ya, Markus
Mai 3, 2011 um 7:18 pm |
Nachtrag, irgendwas beschäftigt mich noch zu Deinen letzten beiden Absätzen, komme aber gerade nicht da hinter. Hat was mit Liebe, Egoismus und Gerechtigkeit zu tun…
Juni 5, 2011 um 6:00 pm |
Hallo Stephan
Ich stelle mir im Moment (neben vielen andern) auch gerade ähnliche Fragen. Ich lese im Moment ein hilfreiches Abstract des Buches “Wozu ist Jesus am Kreuz gestorben” (zu downloaden bei der vbg (evbg.ch). Der Autor führt aus, dass der Tod Jesu nicht als Opfertod im Sinne eines Opfers an Gott gedeutet werden kann und führt verschiedene andere Bedeutungen auf (alles historisch und theologisch gut begründet). Unsere heutige Betonung scheint relativ einseitig zu sein. Vielleicht findest du in diesem Buch auch ein paar hilfreiche neue Perspektiven, denn viele deiner Fragen werden aufgenommen.
Juni 6, 2011 um 8:57 am |
Danke für den Tip, werde mir das gleich mal durchlesen